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Doping-Aufarbeitung



2015 Hansjörg Kofink: Gerhard Treutleins Kampf gegen Doping

Hansjörg Kofink war langjähriger Wegbegleiter und Freund Gerhard Treutleins. Beide Pädagogen verband die Vorstellung einer emanzipatorisch geprägten Erziehungswissenschaft, die selbständiges Denken und freies Entscheiden fördert. 

Viele Texte Hansjörg Kofinks sind >>> hier zu finden.

 

Die folgende Laudation Hansjörg-Kofinks stammt aus dem Jahr 2015 und fasst Gerhardreutleins Kampf gegen Doping hervorragend zusammen. 



Laudatio für Gerhard Treutlein

Auf dem vorolympischen Kongress 1972 fragte der junge Sportwissenschaftler Gerhard Treutlein den DDR-Staatsekretär Erbach nach dessen Suada über Sporterfolge und Gesellschaftssystem, ob die rasante Leistungsentwicklung nicht auch mit Anabolika-Missbrauch zusammenhinge.

 

Treutlein produzierte diesen Eklat mit Hintergrund. Er kannte die seit Mitte der 60er Jahre gewaltig zunehmende Zahl von Berichten in Wort und Bild über ‚Kraftpillen‘ und ‚Hormonathleten‘. Er sah Veränderungen bei Vereinskameraden, die vom Studienaufenthalt aus den USA zurückkehrten. Und – wie wir alle – wurde er von dem Artikel seiner Vereinskollegin, der Weltklasse-Diskuswerferin Brigitte Berendonk, geschockt. „Züchten wir Monstren?“ fragte die erste Athletensprecherin des DLV nach dem Chaos der LA-EM in Athen wenige Wochen zuvor. Im Dezember 1969 lieferte sie in der ‚ZEIT‘ ein anderes als das gängige Bild von Olympia, nachjustiert durch ihre Teilnahme in Mexiko City 1968.

 

Treutlein kam aus der LA, war als Jugendlicher Mittelstrecken gelaufen, neben anderen auch gegen den Paderborner Werner Franke. Er wurde Trainer während seines Studiums. Nach seiner Entscheidung für eine Hochschullaufbahn 1971 war sein Engagement im ADH fast selbstverständlich. Von 1972 bis 2007 war er Disziplinchef Leichtathletik. In diesen 35 Jahren wurde er ein intimer Kenner der Spitzenleichtathletik.

 

Gerhard Treutlein kannte auch das Anabolika-Verbot der IAAF von 1970.



Worum ging es: Kraftpille - Doping - Der Stoff

Wurde in jener Zeit von Doping gesprochen, war das in erster Linie Anabolika-Doping. Die naturwissenschaftlichen Grundlagen, etwas vereinfacht:

  • Anabole Steroide sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie wurden während des Zweiten Weltkriegs entwickelt und dienten damals auch dazu, entkräfteten und unterernährten Kriegsgefangenen eine bessere Rekonvaleszenz zu ermöglichen.
  • Metandienon wurde 1955 von dem amerikanischen Arzt John Ziegler erstmals synthetisiert. Er verkaufte die Rechte 1956 an Ciba-Geigy (Basel), die das Präparat ab 1960 unter dem Handelsnamen Dianabol® vertrieben.

 

Wohl aufgrund ihrer etablierten Profi-Sportszene wurde in der Zeitschrift Sports Illustrated in den 60er Jahren in den USA heftig über ‚drugs‘, also Pillen, diskutiert, vor allem aber über die Haltung der Ärzte dazu. Im Juli 1969 mündete die Diskussion in einem Artikel: High Time To Make Some Rules.

 

Auch in der deutschen Presse, häufig in der ZEIT, gab es Ende der 60er Jahre eine Pillen-Diskussion. So griff der Journalist, Arzt, Olympiateilnehmer von Berlin und vielfache Deutsche Meister über 400m in den 30er Jahren Dr. Adolf Metzner, das Thema wiederholt auf, so im August 1968: Streit um die Pille – Sind Anabolica Doping oder nicht?

 

Beim Erdteilkampf in Stuttgart 1969 besiegten die beiden DDR-Kugelstoßer in der Europa-Mannschaft die Amerikaner, bereits bei den OS 68 in Mexico City hatten die DDR-Kugelstoßerinnen mit einem Doppelsieg die sieggewohnten Russinnen geschlagen. Hier lagen Veränderungen in der Luft.

 

Das Anabolikaverbot wurde in der Lehre der Leichtathletik 1970 veröffentlicht, doch die Begleitmusik war schräg. Drei Wochen zuvor hatten die Berliner Leistungsmediziner Rosseck/ Mellerowicz in der Lehrbeilage ‚Nebenwirkungen der Anabolika‘[1] erläutert, u.a. mit dem Hinweis: „…Diese kurze Zusammenstellung der Nebenwirkungen hat keineswegs das Ziel, diese zu dramatisieren oder eine Panikstimmung bei den Athleten zu erzeugen. …“

 

Weitere sechs Wochen später erschien an gleicher Stelle das Geständnis eines Idols: O’Brien verurteilt Anabolica![2] Auch dieser Text enthielt Erstaunliches, … „Im Jahre 1964 schluckte ich in acht bis neun Monaten gute 15 Pfund Anabolica und erreichte damit meine Höchstgewicht von 125kg. Ich habe meine Leistungen auf diese Weise verbessert und ständig zwischen 19,40 und 19,50 im Kugelstoßen erreicht. Aber ich habe auch einen Teil meiner Schnelligkeitsreaktion eingebüßt, wurde nervös, fand keinen richtigen Schlaf mehr und verpaßte die Möglichkeit, auch die 20-m-Marke noch zu übertreffen. Deshalb habe ich nach den Olympischen Spielen in Tokio endgültig Schluß gemacht, ebenso wie Randy Matson und Al Oerter, der Diskuswerfer.“ …

 

Was für eine Begleitmusik für ein Verbot – und was für ein Blick zurück auf die Olympiaerfolge der US-Werfer!

 

Unmittelbar vor den OS in München am 2. Juni informierte die Bild-Zeitung: "Was Spitzensportlerinnen verlieren, wenn sie mit Kraftpillen siegen"[3] . Das olympische Siegerpodest in diesem Artikel zeigte „Die wahren Olympia-Sieger 1972“ BASF, SCHERING, BAYER.

 

Anabolika waren in der Frauen-Leichtathletik angekommen.

 

Und genau das erfuhr ich als DLV-Trainer Kugel Frauen - bei den Europa-Meisterschaften in Sofia und Helsinki 1971 und Grenoble 1972. Das Kugelstoßen der Frauen in Osteuropa war explodiert.   Hier ein Beispiel:

 

Helena Fibingerová *1949 CSSR stieß 1977 als erste Frau über 22m. Mit 22,32m ist sie Dritte der ewigen Weltbestenliste. Zum Vergleich, Christina Schwanitz, die aktuelle Welt- und Europameisterin, liegt mit ihrer Bestweite etwa auf Platz 40 dieser Liste!

 

Im März 1970 stieß Fibingerová bei den EHM 14,59m, ein Jahr später im März in Sofia und im August in Helsinki 15,73m, wobei immer DLV-Athletinnen vor ihr rangierten. Bei den EHM im März 1972 landete sie mit 17,40m erstmals vor den DLV-Vertreterinnen. Mit 18,81 wurde sie in München Siebte.    

 

Der DLV versicherte mir, dass trotz dieser Entwicklung – es gab in anderen osteuropäischen Ländern noch spektakulärere Steigerungen - die Teilnahme unserer Athletinnen in München mit Olympianorm möglich sei.

 

Sie war es nicht. Meine Protestschreiben an NOK und DLV blieben ohne Antwort und obwohl sie an sid und dpa Sport gegangen waren, ohne jede öffentliche Resonanz.



Dopingdiskussion in den 1970er Jahren

Gerhard Treutlein arbeitete inzwischen an einem Forschungsprojekt „Leistungssport und Gesellschaftssystem“. Seinen Fragebogen dazu fand ich bei den Unterlagen, die ich dem DLV bei meinem Rücktritt zurückgab. Er erlebte zum ersten Male, dass seine wissenschaftliche These des Zusammenhangs von Anabolikadoping und Leistungssteigerungen auch bei uns unerwünscht war. Kirsch, Keul und Klümper wurden beim BISp aktiv.

 

Erst fünf Jahre später, 1977, bei der Aufarbeitung der Kolbe-Spritze und der aufgeblasenen Därme der DLV-Schwimmer kamen meine Briefe von 1972 über Harry Valerien und Brigitte Berendonk in die Medien. Doping wurde 1977 in den Medien diskutiert wie nie zuvor; erst 1990 kam es zu einer vergleichbaren Diskussion.

 

Bereits im August 1976 gab es eine erste TV-Diskussion DER MANIPULIERTE ATHLET - Olympia und die Sportmedizin.

 

Im November erklärte Liesel Westermann, Ex-Weltrekordlerin und vielfache deutsche Meisterin im Diskuswerfen, in der Bild-Zeitung: „Ich liebe den Diskus - die Funktionäre aber nicht“. Mit ihr war der DLV bei der Beschickung der OS 1976 genauso umgegangen wie vier Jahre zuvor mit den Kugelstoßerinnen: Obwohl noch immer eine der besten Werferinnen der westlichen Welt, sah der DLV keine ‚Endkampfchance‘ und ließ sie zuhause.

 

Am 26. 2. 1977 veröffentlichte Brigitte Berendonk in der Süddeutschen Zeitung den Beitrag Der Sport geht über den Rubikon mit Einzelheiten, die heute noch überraschen. Zwei Sendungen mit Harry Valerien im März zum Doping folgten.

 

Es entwickelte sich ein Kampf der Mediziner auf allen Ebenen, in Fachzeitschriften, auf Kongressen und in den Medien, auch im Fernsehen.

 

Es gab Reaktionen der Sportorganisationen und der Politik wie im März eine Fragestunde zu Montreal im Bundestag, im April die Doping-Erklärung von DSB und NOK, im Juni die Grundsatzerklärung für den Spitzensport und im September eine Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zum Thema leistungsbeeinflussende und leistungsfördernde Maßnahmen im Hochleistungssport im Sportausschuss des Deutschen Bundestages.

 

Alle Protokolle dieser Veranstaltungen sind heute noch unter dem Link Cycling4fans nachlesen. Und das lohnt sich!

 

Daume wollte angesichts dieser Vorgänge ‚in unserem Land keinerlei Nachschnüffelei‘. Der Deutsche Leichtathletik-Verband forderte seine Kaderathleten auf, Dopingfragen nur noch intern zu besprechen.

 

Den Ablauf dieses außergewöhnlichen Jahres fasste Brigitte Berendonk an Sylvester in der SZ zusammen Der Athlet lernt zu schweigen 

 

Sie stellte fest: Die Courage der Spitzensportler, welche Mißstände aufdeckten, hat sich nicht ausgezahlt. Es wird weitergedopt, nur geschickter und unter Umgehung der offiziellen Verbandsmoral.

 

Damit hatte der Sport in der BRD die Weichen für die Achtziger Jahre gestellt.



Die Wendejahre

Wir, Gerhard und ich haben uns erst in den achtziger Jahren persönlich kennengelernt. Unser Thema war damals – Sportlehrerverhalten – ein Thema, zu dem an der PH Heidelberg intensiv geforscht wurde.

 

Doping war kein Thema mehr für uns. Doping war alltäglich, weltweit und überall. Treutleins Versuche ‚Doping‘ im ADH zu thematisieren, wurden wegen fehlender Beweise abgeblockt.

 

An der Schule kommentierten schon damals selbst die Jüngsten eine gute Leistung mit: Der ist gedopt!

 

Erst der Doping-Tod Birgit Dressels 1987 und noch mehr ein gedopter Olympiasieger schockierten die Öffentlichkeit. Und doch gab es 1989 in einem ADH-Seminar Widerstand durch eine Spitzenwerferin und einen Bundestrainer, als Treutlein die Zusammenhänge zwischen Doping und Leistungsentwicklung aufzeigte.

 

Dass die Regierung Kanadas den Dopingfall Ben Johnson sofort penibel in dem über 600 Seiten starken DUBIN REPORT aufarbeiten ließ, der schon 1990 vorlag, interessierte hierzulande niemanden, obwohl der Bericht Verbindungen zu einer westdeutschen Doping-Hochburg aufzeigte.

 

Im vierzigjährigen deutsch-deutschen Krieg auf der Aschenbahn hat Doping eine gewaltige Rolle gespielt. Das wussten alle, Athleten, Trainer, Funktionäre, Ärzte und Politiker in beiden deutschen Staaten. Neben den Kontakten der Athleten, kaum von Trainern, gab es in diesen Jahren einen regen internationalen Verkehr zwischen Funktionären, vor allem aber von Ärzten. Entscheidend beeinflusst wurde die Doping-Thematik in der BRD auch durch Ärzte und Trainer, die die Seite wechselten so z.B. Mader (1974), Riedel (1987).

 

Der Fall der Mauer und die politische Entscheidung für einen deutschen Staat veränderte die Welt, besonders die Welt des Sports in Deutschland.

 

Als Beteiligter und Zeitzeuge fällt es heute noch schwer, die chaotische Vereinigung im Sport ab 1990 zu strukturieren. 

 

Klar ist heute, dass die Vereinigung von Doping West mit Doping Ost keine „deutsche Angelegenheit“ war, wie Samaranch meinte, wohl auch im Blick auf seine OS in Barcelona 1992. Das deutsche Verfahren der Vereinigung, vor allem sein Ergebnis hat aufmerksame Beobachter gehabt!

 

Das Aufeinanderprallen von Athleten, Trainern, Funktionären aus Ost und West unter Dopingverdacht, mit Zukunftsängsten und unklarer Vergangenheitsbewältigung war bei einem weiterlaufenden Wettkampfkalender – ich denke an die EM 1990 in Split mit zwei deutschen Mannschaften und die WM 1991 in Tokio mit nur noch einer - ein Unterfangen, das alle Beteiligten in Ausnahmesituationen führte. Es, und das ist die traurige Wahrheit heute, ist weder von der ‚autonomen‘ Sportorganisation noch von der Sportpolitik bewältigt worden.

 

Die Folgen reichen bis in die Gegenwart: Russland, Kenia und Heuchelei-Bekenntnisse von einem deutschen Spitzenfunktionär vor einer Woche.

 

Brigitte Berendonks Doping Dokumente erschienen 1991 und aktualisiert 1992. Sie enthielten vornehmlich die Enthüllung des Staatsplanthemas 14.25, aber auch brandaktuelle Hinweise zu Doping im Westen, die z. B. auch unsere Nachbarn in der Schweiz in Erklärungsnöte brachten (Werner Günthör).

 

Knapp 10 Jahre später legten Singler/ Treutlein mit Doping im Spitzensport als Sportwissenschaftliche Analysen zur nationalen und internationalen Leistungsentwicklung – eine Arbeit vor, der Gerhard Treutlein schon seit den 70er Jahren nachgegangen war, zu dem ihm aber das BISP immer wieder die notwendige Unterstützung versagte, zuletzt 1992/93.

 

Der DSB setzte Kommissionen zur Aufarbeitung ein, nachdem einzelne Fachverbände längst DDR-Trainer auf vom Bund bezahlte Trainerstellen gesetzt hatten.

 

Die Politik drohte mit Sperrung der Finanzmittel. Das Ergebnis: Null.

 

Es war für mich bedrückend zu sehen, wie der im letzten Jahr verstorbene Manfred von Richthofen, der damals die wohl spektakulärste Kommission leitete, in seinen letzten Lebensjahren immer dringlicher darauf hinwies, dass die Ergebnisse dieser Kommissionsarbeit neu zu bewerten seien.

 

Doch liegt das im Interesse von Medaillen-Zählern?



die 1990er Jahre

Fernsehbeiträge zu Doping waren alltäglich in den 90er Jahren. Sie reichten von aktueller Information bis zu Filmen, die durch ihre Zusammenschau beeindruckten. Jenkins ‚Herr der Ringe‘, der frz. Film ‚Zielgerade‘ waren damals neben aktuellen Berichten zu ‚Nandrolon‘ – sie müssen Helmut Digel entgangen sein – zu sehen. Selbst ein Film über die Vorbereitung der DDR auf Montreal landete bei mir.

 

Ab 1998 standen erstmals Verantwortliche des ehemaligen DDR-Sports in Berlin vor Gericht, angeklagt wegen Körperverletzung. Der Vorwurf, Minderjährigen-Doping zwischen 1975 und 1989. Die Zahl der Fälle wurde bei Prozessbeginn drastisch gekürzt. Prozessökonomie! Grundlage war das DDR-Recht.

 

Grit Hartmann lieferte 1997 mit ihrem Buch Goldkinder Hintergrund zu den Berliner Prozessen[4].

 

Mit Verlorene Spiele[5] gab Ines Geipel 2001 das Journal eines Doping-Prozesses heraus. Sie war noch über Ungarn 1989 geflohen, kam Mitte der 90er Jahre mit Werner Franke in Kontakt, der sie über ihre Vergangenheit ins Bild setzte und sie als Nebenklägerin in den Prozessen gewann.

 

Eine entsprechende Aufarbeitung von Minderjährigen-Doping aus der BRD – ich denke an Christel Justen – war offensichtlich nicht opportun.

 

Doping bestimmte auch die 90er Jahre von Clenbuterol bis Nandrolon. Ersteres brachte Thomas Springstein in den Fokus, den deswegen DLV-Präsident Meyer aus dem DLV ausschloss. Sein Nachfolger, Helmut Digel, resozialisierte 1998 Springstein, verfing sich dann aber am Nandrolon-Doping seines Tübinger Mitbürgers Dieter Baumann. Er sei deshalb nicht IAAF-Präsident geworden, lesen wir dieser Tage in der FAZ.[6]

 

Eine Liste der WADA, in der erstmals 114 mit Sperren belegte Dopingunterstützer[7] veröffentlicht wurden, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Springstein ist allerdings nicht dabei, aber 61 (!) Italiener. Ihre Arbeit, Sandro Donati, Gratulation!

 

Zwei Ereignisse möchte ich noch nennen aus den 90er Jahren, die die Vereinigung des Sports in Deutschland noch heute belasten:

 

Die Olympiasiegerin im 15km Skilanglauf von Albertville 1992, Antje Misersky, machte bei der Siegerehrung auf das Schicksal ihres Vaters, Henner Misersky, eines Antidoping-Kämpfers in der DDR, aufmerksam. Als Skilanglauftrainer der DDR hatte er sich 1985 geweigert, Dopingmittel einzusetzen und war deswegen entlassen worden, seine Tochter aus dem Kader geflogen. Nach der Vereinigung sah er, wie der DSV seine früheren DDR-Kollegen einstellte.

 

1999 wurde ich in den Beirat der DOH berufen und lernte dort Andreas  Krieger kennen. 1986 sah ich Heidi Krieger die EM-Gold-Medaille in Stuttgart gewinnen. Heute ist er Antidopingkämpfer mit Haut und Haaren. Er ist bei Gerhard Treutlein in die Doping-Prävention eingestiegen und entwickelt sie zusammen mit seiner Frau weiter.



Gerhard Treutlein: Aufarbeitung des wesatdeutschen Dopings und Dopingprävention

Was sind die Verdienste von Gerhard Treutlein in diesem letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts? Viele - aber es sind zuerst die beiden Bücher Doping im Spitzensport (2000) und Doping – von der Analyse zur Prävention (2001), die er und sein Co-Autor Singler nach vierjähriger Forschungsarbeit vorlegten.

 

Hier sind die meiner Ansicht nach wichtigsten Punkte aus Doping im Spitzensport:

  • Es enthält die bis dahin umfangreichste Zusammenstellung von Doping in der BRD.
     
  • Das Buch zeigt zum ersten Mal auf gesicherten Grundlagen den Zusammenhang von Leistungsentwicklung und Anabolikadoping auf, ein Problem, dem Treutlein schon seit langem auf der Spur war.
     
  • Erstmals werden Zeitzeugen-Interviews zum Anabolika-Doping in der BRD veröffentlicht und damit nachgewiesen, dass die Dopingszene nicht so verschlossen ist, wie das die Wissenschaft bis dahin annahm.
     
  • Die Autoren stellen auch klar, dass bisher nicht die Wissenschaft sich des Problems Doping angenommen hat, sondern dass allein die Medien aufgezeigt haben, was längst wissenschaftliches Interesse hätte finden müssen.
     
  • Die zehn Thesen zum Doping in der Bundesrepublik sind heute noch genauso lesenswert wie der sich anschließende Doping-Systemvergleich.
     
  • Absoluter Knüller ist im Anhang der zum ersten Mal in Deutschland veröffentlichte Bericht Alessandro Donatis über seinen Antidopingkampf in Italien. Neben den Anabolika rücken dort Blutdoping und Epo ins Blickfeld.

 

Damit bekommen die HES-Spritzen von DLV-Ärzten 1995 und 1998 Hintergrund.

 

Und zum Schluss wörtlich aus meiner Besprechung von 2001 im SU:

 

Wer immer im Sport agiert, wissenschaftlich oder politisch, pädagogisch oder als Funktionär, vor allem aber, wer Sport liebt und treibt, aber erst recht, wer beides nicht tut, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

 

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts widmete sich Gerhard Treutlein zunehmend der Doping-Prävention, denn: Wenn gilt, dass man Doping lernt, dann kann man auch lernen, es zu (ver)meiden.

 

Hier erwies sich die dsj ab 2003 als ein guter Partner auch bei Widerständen, die es nach wie vor gab. Mit ihrer Hilfe ist das Manuskript „Sport ohne Doping. Argumente und Entscheidungshilfen“ bis heute 45 000mal gedruckt worden.

 

Da Gerhard Treutlein schon früh über das deutsch-französische Jugendwerk Verbindungen ins Nachbarland hatte, war es naheliegend, die Antidoping-Arbeit auf beiden Seiten des Rheins zu vergleichen. Er tut es bis heute immer wieder, doch das Ergebnis wird nicht besser für uns.

 

Ich erinnere mich an Veranstaltungen wie das Internationale Expertengespräch zur Dopingprävention 2005 in Heidelberg, die LSV-Antidoping-Gala 2007 in Baden-Baden, die BISp-Veranstaltung in Nördlingen 2010 und besonders an das Doping-Symposium in Freiburg 2011.

 

Bleibt noch, Gerhard, Deine große Skepsis gegenüber der offiziellen Dopingaufarbeitung durch DOSB und BISp ab 2008. Dem Beirat nicht beizutreten hast Du öffentlich begründet, und Du hast Recht behalten.

 

Die doppelte Aufarbeitung von Münster und Berlin, so lohnend sie trotz Streit und gegenseitiger Vorwürfe auch war, endete wie die Sitzung im Sportausschuss des Bundestages am 2. September 2013 im Chaos. Das ganze Unternehmen markiert einen Tiefpunkt des deutschen Sports. Denn bis heute haben sich weder der ‚autonome‘ Sport noch die Politik für Doping im deutschen Sport entschuldigt.

 

Frei nach Brecht, ‚Der Vorhang zu, und alle Fragen offen.‘

 

Nein, denn Du kennst den Epilog in Brechts ‚Der gute Mensch von Sezuan‘ genauer. Und der endet:

 

»Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!/ Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!«

 

Dieser Mahnung verpflichtet, beteiligst Du Dich nun seit 2010 auch noch archäologisch an Doping-Ausgrabungen in Freiburg!

 

Möge das der Sache guttun, Dir aber nicht allzu sehr schaden.

 

Ad multos annos, Gerhard Treutlein – aber ohne Doping! 

 

Hansjörg Kofink, Nürnberg 23.10.2015




[1] Nebenwirkungen der Anabolika, D. Rosseck und H. Mellerowicz, LdLA 37/1970, S. 1460

[2] O’Brien verurteilt Anabolica, LdLA 46/1970, S.1784

[3] Was Spitzensportler verlieren, wenn sie mit Kraftpillen siegen, BILD, 2. Juni 1972

[4] Grit Hartmann, Goldkinder, Forum Verlag Leipzig 1997

[5] Ines Geipel, Verlorene Spiele: Journal eines Doping-Prozesses. Berlin 2001

[6] „Ich war zwei Jahrzehnte Teil einer Heuchelei“ FAZ 20.10.2015

[7] Wada veröffentlicht Namen von 114 Doping Unterstützern FAZ 15.09.2015


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