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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



Italien mit dem Rad, mal wieder




 

Vier Wochen Urlaub vom Job, da wollte ich mal wieder Italien mit Rad und Zelt bereisen. Inspiriert hatte mich dazu Armando Basile, der sich seit Ende Juni auf Weltreise befindet und erst nächsten Juni wieder zurückzukehren gedenkt; er hatte mir Anfang des Jahres eingehend seine Reisen erzählt, um ein Buch daraus zu machen. Da kriegte man Lust, selber wieder sein Zelt aufzuschlagen und am nächsten Morgen wieder aufzubrechen, in eine fremde Stadt.

 

Fremd in der eigenen Stadt

Zurückgekehrt, ist einem vieles selber fremd geworden. Ich finde mich dann schwer zurecht. Man fragt sich, was die ganze Aufregung über die Politik, Fußballspiele und den Sonntagskrimi soll. Haben die Leute nichts Besseres zu tun? Das Leben on the road ist so herrlich konkret und so, wie es für die Völker mit Tradition war (so nannte Dusan Gersi die Stämme, die jagten und magisch dachten). Es geht ums Essen, den richtigen Weg, und dann, wenn es dunkel wird, sucht man ein Nachtquartier.

 

Doch unsere Zeitgenossen reiben sich an Dingen, die weit weg und abstrakt sind. Was hat der FC Bayern und ein Champions-League-Spiel mit mir zu tun? Die ganzen Kommentare! Wir sollten über das sprechen, was wir vor der Nase haben, was uns direkt bewegt – dann würde weniger gequatscht. Der Linguist Korzybski sagt, die Menschen sonderten oft Geräusche ab statt Wörter. Radfahren macht das Leben wieder konkret, wobei wir nicht den Fehler machen wollen, ein Mittel zum Zweck zu erklären und es damit zu verklären.

Das Rad ist ein Verkehrsmittel wie das Auto: ein schön langsames Verkehrsmittel, das Körper und Seele wieder in den Mittelpunkt rückt. Geld ist ein Zahlungsmittel. Fernsehen ist ein Medium und das Smartphone auch, aber Auto, Geld und Kommunikationsmittel dienen nur dazu, uns ein gutes Leben zu bereiten; nur weiß man heute nicht mehr, was das ist. Es wird zuviel konsumiert, es wird zu hastig gelebt, und zu Hunderten rauschen weiße und schwarze Limousinen meist deutscher Bauart in Italien an einem vorbei, und alle müssen schnell irgendwohin.

 

Mit dem Rad erlebt man ein Land anders und intensiver. Der Korrespondent, der in einer Hauptstadt lebt, über Politik berichtet und mal schnell von einem Trip irgendwohin, weiß nichts davon. Es geht um Menschen, die ihr Leben leben und nicht um Minister, die ein Statement ablassen. Ja, die italienische Staatsverschuldung nimmt sich anders aus, wenn man sieht, wie der italienische männliche Bürger stolz seine neue blendend weiße Limousine spazierenfährt, die womöglich noch nicht einmal ganz bezahlt ist. Sie leben über ihre Verhältnisse oder an den Dingen vorbei, wie wir alle es tun.

 



Stille





der Bodensee



in Zentralspanien




Von Cremona nach Grosseto

Das war eine lange Vorrede. Auf cycling4fans, das ist schön, kann man sich ausbreiten. Ich transportierte mein Rad im Zug über Basel, Lugano und Mailand nach Cremona. Das dauerte elf Stunden. Meinen alten gemütlichen Campingplatz gab es nicht mehr, dafür einen neuen, von einem hohen Zaun umgebenen, bei dem man sich in ein auf den Boden aufgemaltes Rechteck stellen und dann eine Kundenkarte aus einem Automat ziehen musste. Dann ging die Pforte auf, wenn man es richtig machte. Die Karte öffnete auch die Drehtür im Zaun. Also wieder ein als Campingplatz verkleideter Hochsicherheitstrakt.

 




am Po



Am nächsten Morgen am Po entlang, auf dem Damm, über Flachland bis nach Sassuolo, wo es ein Hotel geben dürfte. Das einzige war ausgebucht, sonst gab es nichts, keinen Hinweis auf eine Übernachtungsmöglichkeit. Ein Hotelbesitzer schickte mich zu einem Bed and Breakfast in den Bergen, es ging steil hoch, ich musste schieben, ich wollte es aufgeben, so versteckt in den Bergen lag das Ding. Fing ja gut an, diese Reise. Ich war ausgepowert, hatte nichts zu Essen mehr, aber zum Glück saßen in der Küche ein Rumäne und ein Marokkaner, die mich verpflegten. Am anderen Morgen war ich besorgt, ob ich – erschöpft vom Abend zuvor – es über die Berge schaffen würde.

 

Aber Menschen helfen. In einem Käsegeschäft war man rührend besorgt und optimistisch, geleitete mich weiter, und beim Fahren erholt man sich, Pavullo wurde erreicht, dann wartete Montese. Dann fragt man in einer Bar und trifft mal wieder diese ironischen Leute, die sich zuzwinkern und sich sagen: Ob der das schafft? Wenn der wüsste …! Montese lag hinter einem Pass, man musste über 841 Meter, Serpentinen führten hoch, und im kleinsten Gang wuchtet man da alles hoch, wenn man gut drauf ist, trinkt oben ein Bier und fährt bei kaum nennenswerter Steigung nach Porretta Terme, und da nahm ich mir das erste Hotel, das ich fand, und ich bekam das Zimmer mit der Nummer 111, immer ein gutes Omen.

 

Eine schöne Fahrt durch eine Schlucht und auf einen kleineren Berg erwartete mich, bis Pistoia in Sicht kam. Dann geht es nach einem Flachstück hoch nach San Baronto, der der Schutzpatron der toskanischen Radfahrer ist, und die lange Abfahrt nach Vinci, dem Geburtsort von Leonardo, ist ein Traum und bietet die Aussicht auf die toskanische Landschaft, die uns vertraut ist.

 




Monument von San Baronto



Danach wollte ich San Gimignano erreichen, und als Übernachtungsort schien mir Gambissa Terme passend (wieder ein Thermenort).

Da war auch alles ausgebucht, aber ein christliches Ostello mit Piglern, die auf der Via Francigena nach Rom unterwegs waren, nahm mich freundlich auf. 25 Euro, gemeinsames (reichhaltiges) Abendessen, dann ein Abend vor dem klösterlichen Innenhof mit Bier und Pfeife. Wieder einmal gutgegangen. Wenn man ohne Smartphone und Planung unterwegs ist, wird das Übernachten immer zur Zitterpartie, aber es ist „noch immer jott jegange“, wie der Kölner sagt, und wenn man sich installiert hat, überzieht einen Euphorie.

 




der Innenhof des Ostello



Die Straße nach Süden durch die Maremma war lang, zwar einsam an jenem Sonntag (San Gemignano am Vormittag war freilich voll mit Touristen gewesen), aber man wird ungeduldig, wenn man ein Ziel erreichen will: Es war ein kleines Bergdorf, in dem Freunde zeitweise leben, und ich wusste, sie würden da sein, und nach 120 Kilometern traf ich am Abend ein, wurde begrüßt und gleich bekocht. Das war der vierte Tag. Am übernächsten fuhr ich nach Grosseto.

 




Blick in Richtung Grosseto, Meer und das Latium



Rom und dann die Marken

Ich nahm bis Santa Marinella den Zug (120 Kilometer für 12 Euro; Bahnfahren ist billig in Italien) und blieb auch da einen Tag, bevor ich die Via Aurelia nach Rom unter die Reifen nahm.

 




das schöne Santa Marinella



Morgenstimmung



Die Straße ist zweispurig, und sie rasen; ich hätte besser die kleinen Straßen genommen. Dann also Rom, untergebracht bei meinem Freund Romano, mit einem Besuch beim Heiligtum der Madonna der Göttlichen Liebe außerhalb (Santuario Madonna del Divino Amore), bei der bemerkenswert die drei Räder im Shop des Heiligtums waren, die Profis der Madonna verehrt hatten. Sonntag eine Radtour mit Romano und dessen Freund Mike aus England nach Roccasecca (Geburtsort Thomas von Aquins). Um elf Uhr in der Nacht kamen wir heim.

 




Das Rad von Eddy Merckx



Das Rad von Felice Gimondi, Geschenk für die Madonna



Das Rad von Francesco Moser



Danach war ich aber platt und freute mich, am nächsten Tag die Ewige Stadt verlassen zu können. Am 1. Oktober regnete es, bald in Strömen, der Zug fuhr von einem völlig abgeschieden liegenden Gleis ab, denn es ging in die Provinz, in die Marken. Nach einer Stunde: Foligno. Wie schön, nach den vielen Menschen mit ihren gehetzten Gesichtern in der Einsamkeit einen Pass hochfahren zu können! Nach Colfiorito ist bald Camerino erreicht; Chiara mit dem Auto fuhr vor, übernahm mein Gepäck, und wieder ein paar Steigungen und ein einsames Haus, das ich ohne sie nie gefunden hätte. Also wieder bei Freunden: eine Waschmaschine, die Dusche, gutes Abendessen (Schweinshaxe), mein Abendbier und die Pfeife.

 




Blick auf Camerino



Dann war ich schon mal zwei Wochen unterwegs. Zum Glück geht es zum Meer nach Osten nahezu eben dahin, nur der zunehmende Verkehr nervt, denn alle überholen mit ihren Autos knapp und fahren schnell. Ich besuchte das Museum des Dichters Leopardi in Recanati und trat dann hoch auf den Berg, auf dem die Stadt Loreto liegt. Es ist ein berühmter Wallfahrtsort, die Basilika umgibt das Geburtshaus Jesu, das die Engel im Jahr 1294 dorthin platziert haben sollen.

 

Im Innersten - im Innern des gemauerten Geburtshauses, das im Innern der Basilika steht, hinter dem Altar – steht die Schwarze Madonna mit goldenen Gewändern, und die Gläubigen sinken vor ihr nieder. Am späten Abend rezitierten Prediger über Lautsprecher einen Rosenkranz, und Pilger bewegten sich über den Platz mit dem barocken Brunnen von Carlo Maderno, blieben stehen, gingen weiter, beteten und sangen. Ich sang mit. Im Hotel war ich der einzige Gast, es kommen nicht mehr so viele Pilger, und sie kommen gern mit dem Auto. Was für Pilger!

 



Flachland

Schließlich wieder Richtung Norden Der Tag war grau und bescherte mir Regen, bis ich den Campingplatz von Pesaro erreichte. Er lag am Meer, von ihm nur durch einen breiten Sandstreifen getrennt, es gab eine gute Pizzeria, nur regnete es viel, und in der Nacht rauschten zwei Züge auf der Linie Ancona – Rimini durch, und das ist, als würde eine Rakete auf dein Zelt abgefeuert, du erschrickst: ein metallischer Ton, der anschwillt, ein Pfeifen und Schwirren, dann das Zischen des oberhalb vorbeijagenden Zuges. Doch am Sonntag schloss der Platz für die Saison, die Züge fuhren weiter und ich auch: Richtung Ravenna. Das Museum für Marco Pantani (1971-2004) in Cesenatico brachte nichts Neues, vor zehn Jahren war ich da schon gewesen, und die Badeorte Ravennas an der Adria lagen verlassen da, wie Potemkinsche Dörfer. Die Badesaison war vorbei, die Hotels hatten geschlossen, es war eine Totenstadt.

 




Pesaro,
Strand und Radweg



Blick ins Pantani-Museum





Ein ungarisches Paar, das eine zweimonatige Radtour hinter sich hatte

Zum Glück gab es noch einen Agriturismo, der mir einen Bungalow vermietete und wo ich zwei Holländer aus Zwolle kennenlernte, die in drei Wochen hierher gelangt waren und nach Assisi wollten, aus Verehrung für Franziskus sowie weiter nach Rom, um mit dem Zug zurückzufahren. Ich sah also sechs Fernradler auf meiner Reise (ein ungarisches Paar in Cremona und zwei, die mir entgegenkamen), aber Hunderttausende Autos und Tausende Motorräder. Wer Rad fährt in Italien, hat meist schwarze Hautfarbe. Wir Radfahrer sind ja Afrikaner, the niggers of the world, nach einem Spruch von John Lennon.

 



Ferrara ist eine Fahrradstadt, südlich von ihr ist kahles, flaches Land, das der Camargue ähnelt: Seen und Flamingos. Man verfährt sich leicht. Man ist völlig alleine. Wolken von geflügelten Insekten heften sich an die Kleidung. Da war endlich die Stadt Ferrara und das Schild zum Camping, ich glaubte nicht, dass Anfang Oktober offen sein würde – aber es ging hinein, jemand empfing mich wieder, und wie schön es doch ist, in einem ruhigen Campingplatz sein Zelt aufzubauen, eine Pizza zu essen, ganz für sich allein zu sein. Allerdings ist in der Nähe des Po das Zelt immer nass am Morgen.

Nach Mantua konnte man am Strom Po entlangfahren, ruhig und ungestört. Doch man wird hierhin und dorthin geschickt, und als es um zwei Uhr am Nachmittag immer noch hieß: 90 Kilometer nach Mantua, kapitulierte ich und nahm die direkte Straße, die gegen Abend höllisch wurde, da von Lastwagenverkehr gequält. Einmal geriet ich ins Straucheln, und beinahe hätte mich ein Vierzigtonner gestreift, aber er konnte noch einmal ausweichen. Glück braucht man, einmal wenigstens. Höllenverkehr in Mantua, ich bekam ein Hotel am Bahnhof, war erkältet und ging früh schlafen.

 





der Fahrer und sein Motorrad



die haben Spaß: Motorradfahrer mit Hund als Sozius



Ödes Land



Seitenblick




Das Finale: bis Lugano

Der „Radweg zum Gardasee“, dem mir die nette Hotelmitarbeiterin in Aussicht gestellt hatte, existierte nicht. Aber es gab kaum Verkehr, der allerdings am Gardasee zunahm. Große Fahrzeuge mit vorwiegend deutschen Nummern. Ich besuchte für eine Stunde meine Kusine in der Nähe von Garda, nahm das Schiff nach Desenzano, fand einen noch offenen Campingplatz. Dann näherte sich das Finale: die Fahrt nach Lugano. Lecco war der Ort, an dem ich übernachten würde, wieder viele Lastwagen und regnerisches Wetter, aber dann stand ich vor dem Hotel Don Abbondio und checkte ein. Lecco ist eine arme, unbedeutende Stadt, die wenigstens das Sommerhaus von Alessandro Manzoni bieten kann, der das Epos 'Die Verlobten' geschrieben hat, Schullektüre für Millionen Italienerinnen und Italiener.

 

Das schaute ich mir an und rechnete: Das Schiff nach Bellagio ging um 12.10 Uhr, ich müsste um 10 Uhr losfahren, und von Bellagio fehlten noch 30 Kilometer nach Lugano, die zu schaffen wären bis zum Zug um 15.42. Es lief alles perfekt, obwohl ich völlig vergessen hatte, dass es in Menaggio hübsch hochging, schweißtreibend, doch ich machte Tempo, und um 14 Uhr stand ich am Schalter der Schweizerischen Bundesbahnen, und bald dann saß ich rauchend vor einem Bier, hinunterschauend auf Lugano. Der Zug braucht nur drei Stunden nach Basel, dem neuen Tunnel sei Dank, und am Abend war ich wieder zu Hause.

 

Das sollte es mit Italien gewesen sein, ich war oft genug dort, nun sind andere Gegenden dran, in denen weniger motorisierte Fahrzeuge verkehren. Geholfen hat die Madonna, von der ich allerorten Standbilder und Tafeln sah. Grazie alle Madonna!

 



 

© Text und Fotos Manfred Poser, November 2018


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