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Selberschreibfestival 2007



Joe Turner: "Fallende Blätter"

Sagen wir, es war auf einer kleinen verzauberten Piazza in Italien. Ich trank einen Latte auf dem Freisitz eines Cafés und verfolgte die Gespräche älterer, vornehm gekleideter Herren. Plötzlich - Gott und die barmherzige Madonna del Ghisallo seien meine Zeugen - sah ich Fausto Coppi. Ich weiß, ich weiß ... - es war aber wirklich Fausto. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen. Es war Fausto !

 

Langsam, fast träumerisch kam er vom Tor der Stadtmauer über das alte Kopfsteinpflaster auf das Café zu. Er trug eine sandfarbene Hose, ein weißes Hemd und einen beigefarbenen Pullover mit weitem Ausschnitt. Sein jugendliches Gesicht mit den großen Augen und der prägnanten Nase wirkte wie das eines Schauspielers nach dem Abschminken. In der rechten Hand hielt er seine dunkle Sonnenbrille. Er hatte keinen Blick für die alte Kirche des Ortes, deren nahe Mauern aus groben Steinquadern errichtet waren.

 

Die Gespräche der alten Herren verstummten. Doch nach und nach lösten sich die Männer aus ihrer Starre und erste Rufe nach dem "Campionissimo" erhoben sich in der Menge. Einer der Alten, er schien mir schon weit über die Achtzig, ging auf Fausto zu und schüttelte ihm die Hand. Schnell wurde er jetzt umlagert und von allen Seiten redete es auf ihn ein.

 

Freundlich schaute Fausto Coppi auf die Männer in seinem Umkreis und ihre ergebenen Gesten. Er wechselte mit großem Charme einige Worte mit ihnen und fiel lachend in ihre Hochrufe ein. Eine fast unwirkliche grandezza lag über der Szene.

 

Währenddessen bestürmten mich Bilder. Bilder, die ich auf alten Fotografien gesehen hatte: Fausto mit seinen hängenden Schultern, Fausto, der immer etwas zu groß für sein Rad wirkte, Fausto am Hinterrad von Bartali auf den staubigen Anstiegen der Dolomiten, Fausto, der unnachahmlich aus dem Sattel geht, Fausto, der Göttliche, der sein Bianchi-Trikot in Ewigkeit zum Sieg führt.

 

Ich erhob mich von meinem Stuhl und legte das Geld für den Latte auf den Tisch. Ich zog meinen Colt und bereits der zweite Schuss saß mitten in Coppis Stirn. Noch zwei, drei Kugeln pumpte ich in seinen Bauch.

 

Sagen wir, es war Herbst. Von den Platanen fielen die ersten Blätter. Und ich schämte mich meiner Tränen nicht.


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